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Der LWL berichtet über Jobcoaching

"Das Jobcoaching hat die verfahrene Situation gerettet

Ein-zu-Eins-Betreuung hat Altenpfleger Mark Prosser geholfen

Recklinghausen (lwl). Viele Menschen werden erst durch eine Krankheit oder einen Unfall schwerbehindert. Ihre Beeinträchtigung wirkt sich häufig auch auf ihr Berufsleben aus. Helfen können dann sogenannte Jobcoaches. Sie besuchen ihre Klienten über einen längeren Zeitraum an deren Arbeitsplatz und unterstützen sie und den Arbeitgeber dabei, die Situation vor Ort zu verbessern. Seit 30 Jahren bietet der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) diese Form der Eins-zu-Eins-Betreuung an. Einer, der von diesem Angebot profitiert, ist der Altenpfleger Mark Prosser.

Im Seniorenzentrum Grullbad in Recklinghausen gehört er schon lange dazu: Seit über 20 Jahren kümmert sich Mark Prosser um die pflegebedürftigen Bewohnerinnen - hilft ihnen beim Essen und der Körperpflege, unterstützt sie in ihrem täglichen Leben. Seit einem Jahr braucht der 46-jährige Altenpfleger selbst jemanden, der ihm unter die Arme greift. Dieser jemand ist seit Mai 2019 Marie-Theres Hübner. Als sogenannter Jobcoach unterstützt die studierte Ergotherapeutin Menschen mit einer Schwerbehinderung am Arbeitsplatz.

Zweimal in der Woche fährt die 30-Jährige zu Prosser nach Recklinghausen und begleitet ihn dort in seinem Arbeitsalltag. Denn gesundheitlich lief es in den vergangenen Jahren schlecht für den Familienvater: Seit fast 20 Jahren ist er an Diabetes erkrankt, bekommt seinen Blutzuckerspiegel nur schwer in den Griff. Schwindel, Benommenheit, Konzentrationsschwierigkeiten - die Symptome machten ihm die Arbeit zusehends schwerer. "Jahrelang habe ich versucht, trotzdem weiterzuarbeiten wie bisher", erzählt Prosser. Von seiner Krankheit wollte er sich nicht einschränken lassen. "Unvernünftig", sagt er heute. Denn je länger Prosser einfach weitermachte, desto schlechter wurde sein Gesundheitszustand. Gleichzeitig erhöhte sich mit seinem Aufstieg zum Leiter eines eigenen Pflegebereichs der tägliche Druck, funktionieren zu müssen. "Irgendwann ging nichts mehr", erzählt er. 2014 die Diagnose: Depression. "Da habe ich erkannt: Ich muss kürzertreten." Und Prosser unternahm einen mutigen Schritt: Als Pflegebereichsleiter trat er zurück, arbeitet seitdem wieder als ganz normaler Altenpfleger. Dennoch fiel es ihm zusehends schwerer, den körperlich und psychisch anstrengenden Aufgaben gerecht zu werden. "Da habe ich ernsthaft überlegt, alles hinzuschmeißen."

Über den örtlichen Integrationsfachdienst erfuhr Prosser vor einigen Monaten vom Jobcoaching. "Ich musste mich überwinden, das Angebot anzunehmen", sagt er heute. Doch die Alternative wäre gewesen, erwerbsunfähig zu werden. "Mit Mitte 40 nichts mehr zu tun zu haben, das war eine schreckliche Vorstellung." Also stimmte Prosser dem Jobcoaching zu und das LWL-Inklusionsamt vermittelte ihm Marie-Theres Hübner.

Kollege auf Zeit

Wenn die 30-Jährige ins Seniorenzentrum Grullbach kommt, integriert sie sich vollkommen in die Arbeitsabläufe: "Besonders in der ersten Phase des Coachings lege ich auch selbst Hand an." Je nach Arbeitsfeld, in dem Hübner ihre Klienten begleitet, arbeitet sie morgens in weißer Hose und Kittel im Pflegeheim und am Nachmittag im Business-Anzug in der Finanzabteilung eines Unternehmens. "Während des Jobcoachings bin ich für alle Mitarbeiter eine Kollegin auf Zeit."

In der zweiten Coaching-Phase identifizierte Hübner zusammen mit Prosser und seiner Vorgesetzten Alexandra Pacholek, Pflegedienstleiterin und stellvertretende Einrichtungsleitung des Seniorenzentrums, in welchen Arbeitsbereichen besondere Bedarfe für ihn liegen. "Ein Vorteil des Jobcoaches ist, dass er als Außenstehender einen anderen Blick auf die Situation vor Ort hat", erklärt Hübner. "Ich bin anfangs nicht mit den Arbeitsabläufen und Dynamiken zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten vertraut, dadurch fallen mir Fallstricke wie zum Beispiel Kommunikations- oder Abstimmungsschwierigkeiten eher auf als jemandem, der selbst in der Situation steckt."

Zu Beginn von Mark Prossers Jobcoaching übte Hübner mit ihm vor allem Arbeitsabläufe wie etwa das Desinfizieren von Behältern und Oberflächen vor und nach dem Kontakt mit Bewohnern, die richtige Vorgehensweise beim Herausheben aus dem Bett oder bei der Körperpflege. Dazu entwickelten der Altenpfleger und der Jobcoach zusammen einen Ablaufplan, in dem Prosser auch nach Beendigung des Coachings jederzeit nachschlagen kann. "Mittlerweile konzentrieren wir uns auf Dokumentationsaufgaben, etwa Medikamentendosierungen und -pläne, den Umgang mit verschiedenen Computerprogrammen und eine sinnvolle Strukturierung der Übergabe vor Feierabend." Gemeinsam arbeiten sie sich in das neue Dokumentationssystem des Seniorenzentrums ein, erstellen Tagespläne, suchen nach Formulierungen für eine verständliche Tagesdokumentation.

Ziel des Jobcoachings ist es immer, einen Arbeitsplatz zu sichern. Je nach Art der Behinderung und der Situation vor Ort sind die Aufgaben und Abläufe dabei so unterschiedlich wie die Menschen, die Hübner betreut. "Gemeinsam ist allen Coachings das Ziel, den Menschen an seinem Arbeitsplatz und im Kolleginnenkreis wieder zu integrieren, Abläufe zu üben und gemeinsam konstruktive Lösungen zu finden, wenn es irgendwo hakt." Beendet ist das Coaching dann, wenn der Arbeitnehmer seine Aufgaben wieder eigenständig und sicher erledigen kann. In der Regel begleiten Jobcoaches wie Hübner ihre Klientinnen etwa ein Jahr.

Dolmetscher statt Detektiv

Für ein erfolgreiches Coaching braucht es dabei stets die Mitarbeit der Vorgesetzten und Kolleginnen. Hübner: "Um nachhaltige Veränderungen zu bewirken, müssen alle mit einbezogen werden." Der Jobcoach leistet daher auch Aufklärungsarbeit: "Nur dann, wenn alle Beteiligten verstehen, welche speziellen Bedarfe eine Behinderung mit sich bringt, können sie Verständnis für die Situation ihres Kollegen oder Mitarbeiters entwickeln." In Prossers Fall waren es vor allem die zusätzlichen Pausen, die er benötigt, um seinen Blutzuckerspiegel zu regulieren, die bei einigen Kolleginnen zu Unmut führten. Prosser: "Die Bewohner müssen ja trotzdem versorgt werden, auch wenn ich mich gerade nicht um sie kümmern kann." Daher müssten in diesen Situationen Kolleginnen für ihn einspringen. "Die haben sich verständlicherweise irgendwann über die Mehrarbeit beklagt."

Ganz wichtig ist der regelmäßige Austausch zwischen Jobcoach, Klientin und Vorgesetztem. "In diesen Gesprächen schauen wir gemeinsam, wo wir noch Lösungen erarbeiten müssen, erörtern aber auch, was gut gelaufen ist." Anfängliche Bedenken des Arbeitgebers zerstreuen sich meist schnell. Hübner: "Für manche Mitarbeiter oder Kolleginnen kann ein Jobcoaching anfangs als Bedrohung wahrgenommen werden, da sich Abläufe manchmal ändern." Doch das Gegenteil ist der Fall: "Ein Jobcoach ist ein Dolmetscher, kein Detektiv", erklärt Hübner. "Er fungiert als Kommunikator und baut Brücken zwischen Klient, Vorgesetzten und Kolleginnen."

"Das Jobcoaching hat die verfahrene Situation gerettet", bringt es Prossers Vorgesetzte Pacholek auf den Punkt. Einen langjährigen Mitarbeiter zu verlieren, wäre in einem Bereich, der ohnehin schwer vom Fachkräftemangel gebeutelt ist, eine mittelschwere Katastrophe. "Hier auf der Station schätzt jeder Herrn Prossers Empathie und Humor im Umgang mit den Bewohnern." Abgesehen von seiner Arbeitskraft wäre Prossers Weggang also auch ein menschlicher Verlust gewesen. Als sie der LWL bezüglich des Jobcoachings kontaktierte, nahm sie das Angebot daher sofort an - und rät heute jedem Arbeitgeber dazu, es ihr nachzutun. Rückblickend sagt sie: "Ohne das Jobcoaching hätten wir Herrn Prosser wohl nicht mehr lange halten können"."

Diesen Artikel veröffentlichte der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) im Rahmen einer Presse-Info am 26.02.2020.